Partnerschaftliche Entscheidungsfindung (2/2)

Prozess des Informed Decission Making in medizinischen Fragen - Übertragung auf Entscheidungsprozesse zu pflegebezogenen Entscheidungen

Gliederung

Der Fall

Heute war Herr Gerhard irgendwie anders. Noch nachdenklicher als sonst. Ich spürte es sofort, als ich morgens gegen 7:30 Uhr in sein Zimmer kam. Er lag schon wach in seinem Bett und schaute aus dem leicht beschlagenen Fenster. Mein „Guten Morgen“ erwiderte er nur zaghaft und leise. Vielleicht hatte er ja schlecht geschlafen. Sonst war er verständlicherweise auch immer etwas betrübt, aber heute war es anders. Die letzten Aufenthalte hatte ich immer das Gefühl, er würde sich freuen, mich zu sehen. Herr Gerhard ist ein sehr angenehmer und ruhiger Patient. Er kommt regelmäßig zur ambulanten, palliativen Chemotherapie auf unsere Station. Manchmal bleibt er über Nacht, wenn die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu stark sind. Mittlerweile kennen wir ihn ganz gut und er uns auch. Man hat sich ja dann doch immer wieder etwas zu erzählen, aber heute nicht. Zu Hause lebt er alleine. Zweimal am Tag kommt die ambulante Pflege und unterstützt ihn teilweise bei der Körperpflege und beim Stellen der Tabletten. Als ich meinen Visitenwagen in das Zimmer fahre und die Patientenakte öffne, höre ich ihn leise fast schon unverständlich sagen: „Zum Sterben ins Hospiz?“ Gestern hatten ihm die Ärzt*innen in der Nachmittagsvisite wohl geraten, nach dem Aufenthalt direkt in das benachbarte Hospiz zu ziehen. Ich hätte nicht gedacht, dass ihn das anscheinend so beschäftigt. Ich dachte, er sieht das eher als eine Entlastung, aber anscheinend habe ich mich da geirrt. Als ich ihn frage, wie es ihm geht, sagt er nur: „Meine schöne Wohnung aufgeben und dann zum Sterben ins Hospiz. Oder doch einfach in meiner Wohnung bleiben?“

Situations-merkmale

Zielgruppe

  • Menschen im Erwerbsalter (30 – 69 Jahre)
  • ältere Menschen (ab 70 Jahre)

Setting

  • Akutklinik
  • Palliativstation / Hospiz

Pflegeanlass

  • Sterben
  • Unterstützungsbedarf in der Lebensgestaltung / sozialen Teilhabe
  • Kommunikations- / Informations-/ Beratungsbedarf
  • onkologische Erkrankung

Lernsequenzen

Sequenz 1 - Aktivierung des Vorwissens zur partnerschaftlichen Entscheidungsfindung

1 Std. (davon Kommunikation: - Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • aktivieren ihr Vorwissen zu den drei Modellen der Ärztin- / Arzt-Patient*innen-Beziehung im Rahmen des Konzepts der "Partnerschaftlichen Entscheidungsfindung" (Shared-Decision-Making) aus der vorangegangenen Einheit,
  • bringen Erfahrungen und Beobachtungen zu partnerschaftlich zwischen zu pflegenden Menschen und medizinischem Fachpersonal (insbesondere mit Ärzt*innen) getroffenen Entscheidungen aus ihren Praxiseinsätzen ein.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... wiederholen Wissensinhalte aus der einführenden Einheit Schritt 1-3: Gruppenarbeit
2 ... stellen ihre Erfahrungen zu beobachteten Entscheidungsprozessen zusammen, die zu pflegende Menschen in Abstimmung mit den Ärzt*innen getroffen haben ggf. mit Rückbezug auf einen Praxisauftrag
3 ... fassen in sechs unterschiedlichen Gruppen die wichtigsten Aspekte zu den drei Modellen der Beziehungsgestaltung und den drei Phasen der partnerschaftlichen Entscheidungsfindung, wie sie im ersten Teil der Lernsituation erarbeitet wurden, zusammen und illustrieren sie jeweils mit Situationen aus ihren Praxisbeobachtungen
4 ... stellen die Ergebnisse der Gruppenarbeiten im Plenum vor und ergänzen sich wechselseitig durch Praxiserfahrungen, vergegenwärtigen sich hierzu auch das in der ersten Lernsituation gezogene, vorläufige Resümee zur Rolle von Pflegenden in Prozessen von partnerschaftlicher Entscheidungsfindung Kurzpräsentation - Feedback, Ergänzungen und Gedankenaustausch

Sequenz 2 - Die partnerschaftliche Entscheidungsfindung in der Pflege

7 Std. (davon Kommunikation: 3 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • formulieren mögliche Antworten auf die Äußerung des Patienten,
  • identifizieren mögliche Gründe, warum die Entscheidung für den Patienten schwer ist,
  • stellen erforderliche Informationen für den Patienten und die Pflegekraft zusammen und achten dabei auf eine wissenschaftliche bzw. fachliche Absicherung der recherchierten Informationen (realisieren den Anspruch einer evidenzbasierten Praxis),
  • planen den Inhalt und Ablauf eines Gesprächs zur Unterstützung bei der Entscheidungsfindung, orientiert an den drei Phasen des erarbeiteten Modells,
  • setzen den Prozess einer partnerschaftlichen Entscheidungsfindung im Rollenspiel um,
  • suchen Möglichkeiten der Erfassung dieser pflegerischen Leistung im Dokumentationssystem und dokumentieren exemplarisch,
  • erarbeiten den Unterschied zwischen "paternalistischer", "autonomer" und "gemeinsamer / partizipativer / geteilter / partnerschaftlicher / informierter" Pflegekraft-Patient*in-Beziehung in exemplarischen fiktiven Dialogsequenzen,
  • verständigen sich über ihre Deutungen der Gefühle des Patienten im dargestellten Fall,
  • verständigen sich über mögliche Wünsche und Bedürfnisse von Patient*innen in schweren pflegerischen Entscheidungssituationen,
  • experimentieren mit unterschiedlichen Haltungen zu einer Entscheidungssituation aus der Perspektive der zu pflegenden Menschen sowie der Pflegenden und tauschen sich dazu aus.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... lesen das Fallbeispiel, formulieren und klären Verständnisfragen Textarbeit in Einzel- / Partner*innenarbeit
2 ... überlegen sich Wünsche / Bedürfnisse, die der Patient in der Situation hat / haben könnte und versuchen dadurch seine Perspektive einzunehmen Partner*innenarbeit
3 ... formulieren erste Ideen, wie sie als Pflegekraft auf die Äußerung von Herrn Gerhard reagieren könnten Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
4 ... probieren in einem kurzen Rollenspiel verschiedene Variationen / Vorschläge aus und diskutieren diese Rollenspiel -> Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch / gelenkte Diskussion
5 ... überlegen und diskutieren Gründe, warum diese Entscheidung für den Patienten schwer ist und halten diese fest Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
6 ... überlegen sich, welche Informationen sie als Pflegekraft benötigen, um mit dem Patienten eine gemeinsame Entscheidung treffen zu können und wie sie die Qualität / Evidenz dieser Informationen absichern können Gruppenarbeit
7 ... recherchieren Informationen, die sie benötigen, um den Patienten bei der Entscheidungsfindung unterstützen zu können (Perspektive Patient*in und Perspektive Pflegefachperson) - achten dabei auf eine wissenschaftlich bzw. fachliche Absicherung der recherchierten Informationen bzw. realisieren Ansatzpunkte für eine evidenzbasierte Praxis Gruppenarbeit
8 ... planen den Ablauf und die Inhalte der Gespräche im Sinne der Phasen der partnerschaftlichen Entscheidungsfindung Gruppenarbeit
9 ... führen die drei Gespräche ("Talks") in einer Kleingruppe durch Rollenspiel -> Gruppenarbeit
10 ... probieren in der Gruppe unterschiedliche Rollen aus (Patient*in, Pflegekraft und Beobachter*in) und halten fest, welche Ereignisse für sie überraschend waren Rollenspiel
11 … überlegen, wie die pflegerischen Leistungen einer partnerschaftlichen Unterstützung des Entscheidungsfindungsprozesses bei Herrn Gerhard dokumentiert werden könnten und formulieren exemplarisch
12 ... tauschen ihre Erfahrungen aus den Rollenspielen und die Vorschläge zur Dokumentation im Plenum aus Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
13 ... unterscheiden für Entscheidungsfindungsprozesse die Begriffe "paternalistisch", "autonom" sowie "gemeinsam / partizipativ / partnerschaftlich / informiert" und überlegen / erproben exemplarisch, wie die Gespräche jeweils verlaufen könnten, wenn sich diese Haltungen in unterschiedlichen Konstellationen begegnen würden Lehrer*in-Kurzvortrag bzw. Textarbeit zur Kurzdefinition - Gruppenarbeit - Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch oder Begegnungen in kurzen Rollensequenzen

Sequenz 3 - Eine Aufgabe für die Pflege!?

2 Std. (davon Kommunikation: 2 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • informieren sich zu Aspekten der Studienlage zur partnerschaftlichen Entscheidungsfindung in der Pflege,
  • rezipieren Studienergebnisse zu den Wünschen von zu pflegenden Menschen hinsichtlich der pflegerischen Unterstützung in Entscheidungssituationen,
  • identifizieren Grenzen von gemeinsamer Entscheidungsfindung in der Pflege aus unterschiedlichen Blickwinkeln,
  • positionieren sich zum Anspruch einer "informierten / geteilten / partizipativen / partnerschaftlichen" Entscheidungsfindung,
  • entwickeln ihre persönliche Haltung mit dem Anspruch einer "informierten / geteilten / partizipativen / partnerschaftlichen" Entscheidungsfindung.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... lesen einen Textauszug aus "Eine Aufgabe für die Pflege?" (Köpke und Meyer 2010), klären ggf. Verständnisfragen und setzen sich mit den Aussagen im Text auseinander Textarbeit mit Leitfragen zum Text -> Partner*innenarbeit
2 ... rezipieren / wiederholen ergänzend entsprechende Kernaussagen der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für die Pflegeberufe Lehrer*inkurzvortrag / Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
3 ... vergegenwärtigen sich, sofern das erfolgt ist, ihr in --> Anleiten, Informieren, Schulen, Beraten gefundenes Begriffssystem und ordnen die "Partnerschaftliche Entscheidungsfindung" ein Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
4 ... diskutieren vor dem Hintergrund der im Text beschriebenen Forschungsergebnisse aus unterschiedlichen Perspektiven die Realisierbarkeit einer Pflegehaltung, die auf partnerschaftliche Entscheidungsfindung in Fragen der pflegerischen Versorgung gerichtet ist Lehrer*in-Schüler*innen-Diskussion
5 ... positionieren sich begründet in einem persönlichen und einem gemeinsamen (zweiten) Resümee und halten dieses fest, ggf. in der kontrastiven Benennung unterschiedlicher Positionen Blitzlicht - Zusammenfassung im Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch

Voraussetzungen, Weiterführungen, Alternativen

Voraussetzungen


Weiterführungen


Parallelen

Anhang

Entwicklung

Didaktischer Kommentar

Die Lernsituation besteht aus zwei Teilen. Der erste, kürzere Teil der Lerneinheit setzt sich mit der Rolle der Pflege in der Beziehung zwischen Ärztin / Arzt und Patient*in auseinander. In diesem Teil erfolgt eine erste Konfrontation mit dem Thema der partnerschaftlichen Entscheidungsfindung. Pflegende wirken hier eher unterstützend zum ärztlichen Interventionsangebot. In diesem zweiten Teil der Lernsituation steht die partizipative Unterstützung des zu pflegenden Menschen bei einer pflegebezogenen Entscheidungsfindung im Mittelpunkt. Die Pflegekraft nimmt hier eine zentralere Rolle ein. Die Lernenden sollen dabei die Bedeutung einer umfassenden Recherche von Informationen zur Fragestellung des zu pflegenden Menschen als Basis für die zu treffende Entscheidung kennenlernen. Weiter sollen sie Wege kennenlernen, wie pflegerische Entscheidungen im Gespräch gemeinsam mit der Patentin / dem Patienten getroffen werden können. Die Lernsituationen schließen an die Lerneinheiten zu Anleitung / Instruktion, Information und Mikroschulung an und bereiten die Kompetenzentwicklung für einfache, wissensorientierte Beratungsinterventionen durch Pflegende vor.

Literatur

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