Ich kann da gar nicht hinschauen

Unterstützung in der Begegnung mit einem veränderten Körperbild bei Menschen mit veränderter Ausscheidungsfunktion und Angebot einer Mikroschulung zur selbständigen Versorgung eines Stomas

Gliederung

Der Fall

Ich kann da gar nicht hinschauen

Aysun ist Auszubildende zur Pflegefachfrau am Ende des 2. Ausbildungsjahres und aktuell in der vierten Woche in ihrem Einsatz auf der Allgemein- und Viszeralchirurgie-Station 2A. Sie ist von diesem Einsatz total begeistert, weil ihr sehr viel gezeigt wird und sie das Gefühl hat, richtig viel zu lernen. So konnte sie in der vergangenen Woche drei ganze Tage mit Bernd, dem Stoma-Therapeuten, zu-sammenarbeiten und hat sogar schon mal sowohl die Versorgung von einer Patientin mit Ileostoma als auch die von einem Patien-ten mit Colostoma unter Anleitung durchgeführt.
„Ileostoma riecht wirklich heftig“
, berichtet sie von ihren Erfahrungen „da musste ich meine Gesichtszüge sehr gut kontrollieren. Aber Bernd hat mir noch ein paar Tricks gezeigt und inzwischen habe ich das auch ganz gut im Griff.“ Leider hat Bernd diese Woche Urlaub, aber er schien zufrieden mit ihr zu sein.
Heute kam dann Dana, die zentrale Praxisanleiterin für die chirurgischen Stationen, auf Aysun zu, um mit ihr den Anleitungstag zu besprechen, der für übermorgen geplant ist. „Bernd hat mir erzählt, dass du den Wechsel des Colostomabeutels schon richtig gut draufhast und deshalb haben wir uns überlegt, ob du nicht die Aufgabe zur Mikro-Schulung mit Herrn Behrens durchführen möch-test?“ Aysun schluckt erstmal heftig und nickt dann zögerlich. „Das ist der Patient von Zimmer 4, der am Freitag völlig unvorbereitet einen künstlichen Ausgang verpasst bekommen hat? Den kenne ich bisher noch kaum, er wirkt sehr bedrückt, was ja auch kein Wunder ist. Aber er war immer freundlich zu mir, wenn ich bei ihm war.“ Mit der Station wird verabredet, dass Aysun heute und morgen in ihrer Schicht vorrangig in den Zimmern 3 bis 5 eingeteilt ist, um den Patienten noch ein bisschen näher kennen zu lernen.

Am Anleitungstag hat sie dann den OP-Bericht und die Patientenakte dabei und stellt Dana den Patienten vor:
„Also, Herr Joachim Behrens ist 54 Jahre alt, und wurde in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit plötzlich aufgetretenen, äußerst heftigen Bauchkrämpfen, Stuhlverhalt mit ausgeprägtem Stuhldrang und massiver Übelkeit von seiner Lebensgefährtin Claudia Zimmer in die Notaufnahme gebracht. Da die Diagnostik (Auskultation, Ultra-Schall, CT) unklar bei „Akutem Abdomen“ blieb und der Zustand bedrohlich wirkte, wurde ihm notfallmäßig zu einer OP – Laparotomie und Eröffnung des Retroperitoneums – geraten. Er hatte sicherheitshalber vor der Operation alle Einwilligungen unterschrieben, und als die Operateure festgestellt haben, dass sich bei ihm ein Colon-Ca entwickelt hat, das mit Stadium T III klassifiziert werden musste, wurden 34 cm des Colons entfernt und ein Stoma angelegt. Soweit die medizinische Seite.
Zu seiner Lebenssituation habe ich erfahren, dass er Maler und Lackierer von Beruf ist und in einem kleinen Handwerksbetrieb mit noch zwei Gesellen und einem Lehrling beschäftigt ist. Vor drei Jahren hat er dort Claudia kennengelernt, die als Sekretärin in seiner Firma angestellt ist. Er erzählt ganz begeistert von der Beziehung mit dieser 10 Jahre jüngeren Frau und auch von der Eigentums-wohnung, die sie sich zusammen gekauft haben. Auch davon, dass sie sich so gut mit seinem Sohn aus erster Ehe versteht, der alle zwei Wochen am Wochenende zu ihnen kommt. Er sagt, dass er sich seit langem endlich wieder richtig glücklich gefühlt hätte – und dann kippt bei ihm von einer Sekunde zur anderen die Stimmung. Gestern, während unseres Gesprächs, ist er plötzlich in Tränen ausgebrochen und hat gesagt, dass er gar nicht weiß, was jetzt werden soll. Er befürchtet wohl, dass seine Freundin ihn verlässt und sein Sohn sich dann von ihm abwendet, und er scheint sich große Sorgen ums Geld zu machen.
Ich habe ihn dann gefragt, ob er von der Erkrankung gar nichts vorher gemerkt hat. Naja, er habe sich schon manchmal in der letz-ten Zeit schwach gefühlt, aber das hätte er auf die viele Arbeit mit der Renovierung der Wohnung geschoben und nicht richtig ernst genommen. Durchfall kommt schon mal vor, meint er, das wäre auch immer wieder verschwunden. Auch jetzt habe ich das Gefühl, dass er das mit dem künstlichen Darmausgang noch gar nicht richtig realisiert hat. Wenn ich das Stoma versorge, dann dreht er ganz auffällig den Kopf zur anderen Seite. Ich wollte ihm gestern schon mal erklären, wie der Beutel aussieht und wie der befestigt ist, aber er hat ganz angewidert das Gesicht verzogen und gesagt: »Machen Sie das mal, ich kann da gar nicht hinschauen!“. Er hätte zuvor noch nie von einem Stoma gehört und dann hat er gesagt: »Damit kann ich überhaupt nichts anfangen, gar nichts.« Und hatte schon wieder Tränen in den Augen …“

Aysun bleibt mitten in ihrer Fallvorstellung stecken. „Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht genau, wie ich bei ihm mit einer Mikro-Schulung anfangen soll.“

Situations-merkmale

Zielgruppe

  • Menschen im Erwerbsalter (30 – 69 Jahre)

Setting

  • Akutklinik

Pflegeanlass

  • Unselbstständigkeit in der Selbstversorgung
  • Kommunikations- / Informations-/ Beratungsbedarf
  • onkologische Erkrankung
  • chirurgischer Eingriff
  • Erkrankung Verdauungssystem

Lernsequenzen

Sequenz 1 - Ausscheidungsvorgänge - ein sehr intimes Thema, über das man (nicht) gerne spricht

3 Std. (davon Kommunikation: 2 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • machen sich ihr inneres Erleben und ihre persönlichen Vorstellungsbilder und Einstellungen zu Verdauungsprozessen, Ausscheidungsprodukten und Körpergerüchen (auch in deren biografischem Gewordensein) bewusst,
  • verständigen sich darüber, ob und wie sie mit wem über Ausscheidungsvorgänge sprechen und was es bei ihnen auslöst, wenn andere über sehr körpernahe Themen mit ihnen sprechen wollen,
  • verständigen sich über die Veränderung, die ihr Umgang mit Ausscheidungen, Körpervorgängen und Ekelerleben in der zurückliegenden Ausbildungszeit erfahren hat,
  • verständigen sich in einer ersten Annäherung über die möglichen Bedeutungen, die Ausscheidungsvorgänge für Menschen haben, die akut oder chronisch krank sind,
  • formulieren verschiedene Hypothesen zur Bedeutung von Ausscheidungsvorgängen für eine zu pflegende Person,
  • machen sich ihre widersprüchlichen Gefühle und Reaktionen im Umgang mit eigenen und fremden Ausscheidungsvorgängen bewusst und nähern sich - in Vorbereitung auf Sequenz 5 - einer reflexiven Bearbeitung ihrer persönlichen Scham- und Tabugrenzen an.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... unternehmen eine Phantasiereise in den eigenen Körper mit zunehmender Konzentration auf die "Leibesinseln" (Schmitz 2011) vom Mund über den Bauch und Unterbauch bis zum Analbereich, mit Lenkung der Gedanken auf Erlebnisse, innere Einstellungen und Erfahrungen bezogen auf Nahrungsaufnahme und Ausscheidung geführte Körperreise, die nach allgemeinen Entspannungsim-pulsen die Konzentration z. B. über die letzte gute Mahlzeit, die in Ruhe eingenommen werden konnte, zu den Körperempfindungen und dem inneren Körperselbstbild bei der Aufnahme und Assimilation der Nahrung bis zu den Ausscheidungsvorgängen und der Intimität dieser Situation führt; die Übung sollte gut auf die Lerngruppe, die gemeinsamen Erfahrungen und das Vertrauen zwischen Lernenden untereinander und zur Lehrperson sowie auf die athmosphärischen und räumlichen Bedingungen abgestimmt sein, z. B. hinsichtlich der Möglichkeit, sich im Raum zurückziehen zu können, oder der Optionen für eine Durchführung im Liegen oder im Sitzen
2 ... bringen die Gedanken und Gefühle, die sie während dieser Phantasiereise hatten, mit frei gewählten Mitteln mehr oder weniger verschlüsselt zunächst für sich selbst zum Ausdruck und tauschen sich im Anschluss darüber aus Einzel-/ Partner*innen-/ ggf. Kleingruppenarbeit (auf jeden Fall die Wahl der Sozialform frei stellen bzw. "Wohlfühlgrup-pen" bilden lassen und Rückzugs-, Abgrenzungs- und Wider-standsformen zulassen) - mögliche Medien: Text schreiben/ malen/ Ton/ Sand + Matsch/ Foto/ Gegenstände suchen ...
3 ... stellen ihren Auseinandersetzungsprozess und/ oder sein Ergebnis im Plenum vor und sammeln Ideen, was dieses Unterrichtsangebot mit Pflegeausbildung zu tun haben könnte Stuhlkreis - Mitarbeit ist freiwillig, jede Form des Rückzugs und der Verweigerung ist erlaubt, mit dem Verweis darauf, dass die Fallvorstellung in Schritt 4 in der Lerngruppe verbindlich ist
4 ... lesen das Fallbeispiel, sammeln erste Eindrücke und Ideen zur Situation von Herrn Behrens sowie Lernfragen, die sich aus dem Blickwinkel von Aysun ergeben Kartenabfrage - Zuordnung zum Lernsituationsablauf

Sequenz 2 - Pathophysiologie des Darms, die Anlage von Ileo- und Colostoma, das ärztliche Vorgehen bei Diagnostik und Therapie und die Aufgaben der Pflege in der interdisziplinären Zusammenarbeit und Versorgung

6 Std. (davon Kommunikation: - Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • erläutern Erkrankungen und Symptomatiken, die die Anlage eines Stomas erforderlich machen,
  • nennen verschiedene Formen einer Stomaanlage,
  • erläutern die Epidemiologie, die Pathophysiologie und typische Krankheits- und Therapieverläufe bei einem Colonkarzinom,
  • erklären das chirurgische Vorgehen bei der Anlage eines Colostomas und mögliche Komplikationen einschließlich der Ätiologie und der Symptome,
  • nennen Beobachtungskriterien für die pflegerische Versorgung bei Menschen mit einem Colostoma,
  • erläutern Materialien, Pflegehilfsmittel und Abläufe der Versorgung eines Colostomas und setzen sie praktisch um,
  • beachten Hygienerichtlinien zum Schutz des zu pflegenden Menschen, zum Schutz seines Umfeldes und zum Eigenschutz.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... aktivieren ihr Vorwissen zu Ernährung und Stoffwechsel in Bezug auf die Anatomie des Verdauungstraktes, die Physiologie und Pathophysiologie des Darms und die postoperative Versorgung im Bereich der Visceralchirurgie Wissenstest mit Wiederholungsfragen zu vorangegangenen Lehr-Lerneinheiten -> Korrektur in Partner*innenarbeit und Identifizierung von Wissenslücken
2 ... gewinnen einen systematisierenden Überblick über Erkrankungen und Symptomatiken, die die Anlage eines Stomas erforderlich machen Schritt 2 und 3: Lehrer*invortrag - Dokumentation und Ergebnissicherung über begleitende Arbeitsblätter
3 ... gewinnen einen systematisierenden Überblick über die verschiedenen Formen einer Stomaanlage und das dabei erforderliche chirurgische Vorgehen
4 ... erarbeiten sich exemplarisch die Epidemiologie, Pathophysiologie und Therapie (auch: den chirurgischen Eingriff) bei Colon-Ca anhand typischer Fallsituationen Selbsterarbeitung: Systematisierung von Lernfragen (Prinzip POL) mit zugehöriger Wissensrecherche (Internet/ Fach-literatur) sowie Dokumentation und Vergleich der Ergebnisse
5 ... stellen mögliche Komplikationen in Verbindung mit chirurgischen Eingriffen, deren Ätiologie und Symptomatiken sowie Kriterien für die pflegerische Beobachtung zusammen Schritt 4 und 5: Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch -> Dokumentation der Ergebnisse
6 ... leiten die Aufgaben in der unmittelbaren postoperativen Versorgung her
7 ... kennen Materialien und Pflegehilfsmittel für die Stoma-versorgung, entwickeln den pflegerischen Handlungsablauf und üben die technischen Verrichtungen am Modell Kleingruppenarbeit mit verschiedenen Lernstationen zu Material, praktischen Übungen und fachlichen Erarbeitungsaspekten

Sequenz 3 - "Ich kann da nicht hinschauen - diese stinkende Brühe" - den Pflegeprozess auf die Diagnose einer Körperbildstörung orientieren und die pflegerische Interaktion darauf abstellen

3 Std. (davon Kommunikation: 2 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • aktivieren und erweitern ihre Kenntnisse zum Pflegeprozess durch Präzisierung des Vorgehens im pflegediagnostischen Prozess,
  • definieren die Pflegediagnose "Körperbildstörung", ordnen sie in einem Klassifikationssystem ein und grenzen sie gegenüber medizinischer (und psychiatrischer) Diagnostik zum Körperbild ab,
  • nennen mögliche Einflussfaktoren und Symptome für Körperbildstörungen bei Ausscheidungsstörungen/ Colo-/ Ileostomie,
  • identifizieren mit Hilfe von Handbüchern zur Pflegeklassifikation Merkmale bzw. Hinweiszeichen zur Pflegediagnose "Körperbildstörung" und wenden sie fallbezogen an,
  • erarbeiten geeignete Fragestellungen, auch mit Hilfe von Handbüchern, um in einem Assessment die Pflegediagnose "Körperbildstörung" genauer abzuklären,
  • erarbeiten, auch mit Hilfe von Fachbüchern und Klassifikationssystemen, eine Liste situativ geeigneter Pflegeinterventionen bei Menschen nach der Anlage eines Colostomas zum Umgang mit der Situation und der Verbesserung des Körperbildes,
  • planen fallbezogen den Pflegeprozess der unmittelbaren Versorgung im Anschluss an den Eingriff in der Klinik bis zur Entlassung in das häusliche Umfeld,
  • verständigen sich über mögliche, tatsächliche oder phantasierte soziale Reaktionen auf eine Stomaanlage und deren Auswirkungen auf Selbstwahrnehmung und Körperbild der zu pflegenden Menschen,
  • entwickeln Ideen, wie die durch die Stomaanlage hervorgerufene Veränderung des Körperbildes in einer aus Sicht der zu pflegenden Menschen möglichen und sinnhaften Form verarbeitet und bewältigt werden kann,
  • verstehen unterschiedliche subjektive Äußerungen und Verhaltensweisen von Menschen nach der Anlage eines Stomas,
  • gestalten den Beziehungsaufbau und die Interaktion mit einem zu pflegenden Menschen so, dass er/ sie Vertrauen entwickeln kann,
  • gestalten die Interaktion für ein pflegerisches Assessment zur Beurteilung des Körperbildes,
  • planen den Pflegeprozess mit dem Ziel der Förderung des Körperbildes,
  • simulieren Momente aus der pflegerischen Interaktion.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... reaktivieren ihr bis zu diesem Zeitpunkt erarbeitetes Wis-sen zum Pflegeprozess, zur Pflegediagnostik und zur Arbeit mit Pflegediagnosen und Pflegeklassifikationssystemen Strukturlegen mit den zentralen Begriffen und Abgleich mit einem vorgegebenen, fortgeschritteneren Strukturmodell
2 ... lesen Definitionen zur Pflegediagnose "Körperbildstörung" und zu deren Einordnung im Rahmen eines Pflegeklassifi-kationssystems - unterscheiden in diesem Zusammenhang Pflegediagnosen von medizinischen und/ oder psychiatri-schen Diagnosen Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch in Verbindung mit Arbeitsblättern bzw. Präsentation von Kurzdefinitionen
3 ... identifizieren, auf welche Beobachtungen sie im Fallbeispiel die Pflegediagnose Körperbildstörung stützen würden und bilden Hypothesen, wie sich eine Körperbild-störung bei Menschen, die eine Colostoma-Anlage bekommen, entwickeln und in welcher beobachtbaren Form sie sich auch zeigen könnte Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
4 ... gleichen ihre Hypothesen mit einer Zusammenstellung von objektiven Merkmalen und Symptomen sowie zu subjektiven Äußerungen von zu pflegenden Menschen ab, wählen Aussagen/ Verhaltensmuster aus, die sie besonders irritieren oder hilflos machen und suchen im Austausch mit anderen nach ersten Lösungsansätzen, um einen Zugang zu den betroffenen Menschen zu finden Schritt 4 und 5: Textarbeit und Erarbeitung von Formulierungsvorschlägen in Kleingruppen
5 ... lesen in der Fachliteratur publizierte Vorschläge zu geeigneten Pflegeinterventionen zur Abklärung der Pflege-diagnose (Assessment) sowie für die Durchführung der Pflege und identifizieren diejenigen, die ihnen bei der Begegnung mit den in Schritt 4 ausgewählten Patient*in-nenaussagen/ Verhaltensmustern weiterhelfen könnten
6 ... erarbeiten eine Pflegeplanung für die weitere pflegerische Versorgung von Herrn Behrens im Krankenhaus mit Hinweisen zur Überleitung in das häusliche Umfeld Kleingruppenarbeit in Neigungsgruppen - alternativ zu Schritt 6 und 7 können die Lernenden auch Schritt 2 bis 4 in der Sequenz 4 erarbeiten, d. h., eine Mikroschulung zur Selbstversorgung des Stomas planen und einen Ausschnitt aus der praktischen Durchführung demonstrieren
7 ... demonstrieren einen Ausschnitt aus der pflegerischen Interaktion im geplanten Pflegeprozess, in dem sie neben der verbalen Kommunikation insbesondere auch die nonverbalen Elemente der pflegerischen Haltung illustrieren szenische Inszenierung/ Videografie

Sequenz 4 - Mikroschulung zur Stomaversorgung mit Herrn Behrens: anpassen, planen und durchführen

3 Std. (davon Kommunikation: 1 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • aktivieren ihre Kenntnisse zu Prinzipien sowie zum Aufbau von Mikroschulungen,
  • passen den Ablauf einer vorgegebenen Mikroschulung an die im Fall vorgestellte Situation an (Ileostoma --> Colostoma / kooperative*r Patient*in --> Diagnose einer Körperbildstörung/ Onkologische Rehabilitation --> Akutklinik),
  • festigen und sichern ihre Kompetenzen in der Planung und Durchführung von Anleitungssituationen/ Mikroschulungen,
  • verständigen sich über ihre Erfahrungen in der Umsetzung von Anleitungen/ Mikroschulungen in der Praxis und nehmen eine erste Bewertung vor.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... aktivieren ihr Wissen zu Anleitung, Information und Mikroschulung aus vorangegangenen Unterrichten, tragen ihre Erfahrungen aus in der Praxis durchgeführten Anlei-tungssituationen bzw. zu durchgeführten Mikroschulungen zusammen ("Was habe ich positiv/ erfolgreich erlebt, was war eher problematisch/ weniger erfolgreich?") Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch mit Kartenabfrage
2 ... rezipieren das Beispiel und Konzept für eine Mikroschulung zur Stomaversorgung aus dem Bereich der onkologischen Rehabilitation (Fabisch 2015), identifizieren Parallelen und Unterschiede zur vorgegebenen Situation und markieren die Momente, in denen für den vorliegenden Fall eine Anpassung vorgenommen werden muss Kleingruppenarbeit in Neigungsgruppen - Schritt 2 bis 4 bilden eine Alternative zu Schritt 6 und 7 in Sequenz 3 zur Entwicklung einer Pflegeplanung für den Patienten im Fallbeispiel und der Demonstration eines Ausschnitts aus der pflegerischen Interaktion
3 ... planen den Ablauf für die Mikroschulung mit Herrn Behrens und dokumentieren ihre Planung schriftliche Bearbeitung - evtl., wenn bekannt, unter Nutzung und Anpassung der Einschätzungs-, Planungs- und Dokumentationsbögen zur "Mikroschulung s.c. Injektion"
4 ... demonstrieren einen Ausschnitt aus der Interaktion in der geplanten Mikroschulung, in der sie neben der verbalen Kommunikation insbesondere auch die nonverbalen Elemente der pflegerischen Haltung illustrieren szenische Inszenierung/ Videografie

Sequenz 5 - Präsentation und Diskussion der Ergebnisse - Reflexion zu Planungs- und Verständigungsprozessen

3 Std. (davon Kommunikation: 1 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • geben und erfahren zu ausgewählten Momenten in der Schulungsplanung Rückmeldung,
  • haben einen Einblick in kulturhistorische Entwicklungen und Aspekte der kulturellen Diversität im Umgang mit Ausscheidungsvorgängen,
  • erläutern am Beispiel von "natürlichen" Körpervorgängen die Entstehung und die Auswirkungen von sozialer Kontrolle auf die Sozialisation der Körper und der Körperbilder, die die Subjekte entwickeln (z. B. "Reinheitsregel" Douglas, 1974),
  • geben sich wechselseitig begründete Rückmeldungen zur Konzeption und Demonstration der Beziehungsgestaltung in einer präsentierten Interaktion,
  • reflektieren ihren persönlichen Umgang mit körperbezogenen/ leiblichen Scham- und Tabugrenzen in seinen individuellen, sozialen und kulturellen Dimensionen,
  • erläutern und reflektieren am Beispiel von "natürlichen" Körpervorgängen die Entstehung und die Auswirkungen von sozialer Kontrolle auf die Sozialisation der Körper und der Körperbilder, die die Subjekte entwickeln (z. B. "Reinheitsregel" Douglas, 1974).
  • reflektieren ihre Potenziale und Grenzen für eine professionelle Interaktionsgestaltung mit pflegebedürftigen Menschen, deren Körperbild aufgrund von Beeinträchtigungen der Ausscheidungsfunktion verändert ist.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... bewerten mit Hilfe eines vorgegebenen Kriterienkatalogs das Arbeitsergebnis (schriftliche Planung) einer Gruppe, die zur jeweils anderen Thematik gearbeitet hat, und geben sich wechselseitig Rückmeldung durch Lehrkraft vorgegebener Kriterienkatalog zur Einschätzung von Pflegeplanungen bzw. Planungen einer Mikroschulung - Kleingruppenarbeit und Austausch zwischen zwei Kleingruppen
2 ... betrachten alle szenischen Demonstrationen - wählen aus jedem Arbeitsbereich eine aus, die besonders positiv beeindruckt hat und identifizieren die Gründe, warum der Interaktionsprozess als gelungen bewertet werden kann Rezeption der Szenen und Diskussion im Stuhlkreis
3 ... vergegenwärtigen sich ihre Gefühle und Gedanken zu den durch die Phantasiereise und Übungen im Einstieg gesetzten Impulsen, nehmen dazu Stellung, ob und wie sich ihre Ein-stellung nach der Bearbeitung in der Lernsituation verändert hat und rezipieren ergänzend unterschiedliche Medien, die die Thematik des kulturellen, sozialen und persönlichen Umgangs mit Ausscheidungen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten Ausstellung von Texten und Produkten sowie Auszügen aus der Phantasiereise aus Sequenz 1 - ergänzt um unterschiedliche, kurze Texte und ggf. Bildmaterial aus verschiedenen Wissenschafts- und Gesellschaftsbereichen, die Schlaglichter auf den (tabuisierten) Umgang mit (natürlichen) Ausscheidungsvorgängen werfen --> Einstieg über ein stummes Schreibgespräch --> anschließendes Kreisgespräch
4 ... bilden Hypothesen zur Entwicklung ihres persönlichen Umgangs mit Tabus und Schamgefühlen und erweitern und belegen diese mit Rückgriff auf das rezipierte Textmaterial zur Entstehung von Tabu und Scham Kreisgespräch und Sammeln der Erkenntnisse (Tafelanschrieb, Flipchart, ...)
5 ... diskutieren die folgende These: "Bevor eine Pflegende die Pflegeanamnese mit Fragen zur Reflexion (des eigenen Körperbildes in Bezug auf Ausscheidungsvorgänge) ergänzt (...), muss sie selbst für sich klar darüber reflektieren, welche Antworten, Haltung und Gefühle sie bzgl. dieser Fragen und ihres eigenen Körperbildes hat." (in Anlehnung an Uschok/Schmidt-Jungblut 2016, 7048-7054) Präsentation des Textausschnitts, Skalenabfrage der Zustimmung/ Ablehnung der These, z. B. durch Veränderung der Sitzposition im Stuhlkreis --> begründeter Austausch zur eingenommenen Position <- Lehrer*in moderiert
6 ... ordnen die in Schritt 4 gebildeten Hypothesen und Er-kenntnisse hinsichtlich der unterschiedlichen Wissenschafts-perspektiven und bestimmen für sich, welche Gedankenspur sie für sich gerne weiter vertiefend bearbeiten würden, um sich mit der von ihnen eingenommene Position auseinander zu setzen - und zukünftig besser argumentieren zu können Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch oder Austausch in Partner*innen- / Kleingruppen
7 ... formulieren für sich oder auch im Plenum, was sie aus dem Erarbeitungsprozess dieser Lernsituation in die nächsten Praxiseinsätze mitnehmen Einzelarbeit im Lerntagebuch/ -portfolio (ohne Veröffentlichungsphase) oder Blitzlicht bzw. eine andere, geeignete Evaluationsmethode

Hinweise zur Unterrichts-vorbereitung

Voraussetzungen, Weiterführungen, Alternativen

Voraussetzungen


Weiterführungen


Parallelen

Anhang

Entwicklung

Didaktischer Kommentar

Vgl. als Beispiel zur Umsetzung und Adaption dieser Lernsituation in einen Ausbildungskontext die Visualisierungen von Susanne Urhahn aus ihrem Unterricht auf der  –> Fachtagung im Februar 2019.

Literatur

cc 0