Lern- und Lebensgeschichten

Die eigene Lernbiografie sowie ein erstes biografieorientiertes Interview mit einem Menschen aus einer anderen Generation erarbeiten - damit erfolgt eine erste Annäherung an die Unterscheidung zwischen Selbst- und Fremdverstehen

Gliederung

Situations-merkmale

Zielgruppe

  • Kinder (2 - 10 Jahre)
  • Jugendliche (10 – 18 Jahre)
  • junge Erwachsene (19 – 29 Jahre)
  • Menschen im Erwerbsalter (30 – 69 Jahre)
  • ältere Menschen (ab 70 Jahre)
  • Pflegende / Lernende selbst

Pflegeanlass

  • nicht näher bestimmt

Lernsequenzen

Sequenz 1 - Annäherung an Grundbegriffe: "Zuhören" und "Biografiearbeit"

2 Std. (davon Kommunikation: 1 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • nennen verschiedene Aspekte, Bedeutungen und Erklärungsansätze, die mit dem Begriff "Zuhören" verknüpft sind,
  • erklären erforderliche Voraussetzungen, die mit verschiedenen Formen des Zuhörens verbunden sind, unterscheiden Handlungsmuster im Zuhören und setzen diese gezielt ein,
  • erklären private und öffentliche Anteile im biografischen Erleben - auch in Bezug auf die Wahrnehmung der Persönlichkeitsrechte,
  • beschreiben verschiedene Formen der Darstellung biografischen Erlebens,
  • verständigen sich über Vorstellungen und Assoziationen zum Begriff "Zuhören",
  • verständigen sich über Vorstellungen und Assoziationen zum Begriff "Biografie",
  • tauschen sich über Erfahrungen und Gefühle aus, die der Begriff "Biografie" in ihnen auslöst, und erkennen wechselseitig unterschiedliche Einstellungen an,
  • verständigen sich kontextbezogen über ihre individuellen Grenzen bei der Veröffentlichung von biografischen Erfahrungen,
  • verständigen sich über Unterschiede in dieser Grenzsetzung bei anderen.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... formulieren ihre eigenen Vorstellungen und Assoziationen, die sie mit dem Begriff "Zuhören" verbinden - tauschen sich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus freie Assoziation auf Karten, die mit dem Begriff verbunden werden, Sammlung an einer Pinnwand
2 ... hören einem Vortrag der / des Lehrenden über verschiedene Aspekte des Zuhörens zu Lehrer*invortrag, möglichst frei gehalten, durch verschiedene prosodische Elemente begleitet, aber ohne schriftsprachliche / grafische Unterstützung (vgl. Textvorschlag i. d. Anlage)
3 ... beantworten Fragen zum Vortragsinhalt / zu Beobachtungen, die mit dem Vortrag in Verbindung stehen / vergleichen diese mit einem Lösungsmuster und bilden Hypothesen für "falsche" Antworten, fehlende Antworten sowie differierende Wahrnehmungen und tauschen sich dazu aus Einzelarbeit, Partner*innen- / Gruppenarbeit; ggf. Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
4 ... assoziieren, was sie mit dem Begriff "Biografie" verbinden, welche Erfahrungen, Gefühle und Bewertungen dieser Begriff bei ihnen auslöst Schreibgespräch zu unterschiedlichen Auszügen aus verschiedenen Formen biografischer Texte
5 ... tauschen sich untereinander zu ihren persönlichen Einstellungen aus zu 5-8: Kreisgespräch zu Aussagen, die im Schreibgespräch getroffen wurden, ergänzendes Handout mit Aussagen / Kurzdefinitionen aus der pflege- / sozialwissenschaftlichen Fachliteratur
6 ... nehmen Unterschiede in der Bedeutungszuschreibung gegenüber biografischer Reflexion wahr und können diese stehen lassen zu 5.: Unterrichtsgespräch
7 ... lernen weitere Definitionen und Bedeutungszuweisungen zum Begriff "Biografie" aus unterschiedlichen Perspektiven kennen zu 6.: Ablaufplan zur Unterrichtseinheit als Wandzeitung
8 ... unterscheiden persönliche / private und öffentliche Momente in einer Biografie und lernen unterschiedliche Möglichkeiten, diese darzustellen, kennen
9 ... sind über den Aufbau der gesamten Unterrichtseinheit informiert
10 ... wissen, dass sie nichts von sich preisgeben müssen, was sie nicht preisgeben wollen

Sequenz 2 - Die eigene Lernbiografie wahrnehmen und sich mit anderen dazu austauschen

3 Std. (davon Kommunikation: 1 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • nennen Aspekte personenzentrierten Zuhörens gegenüber der Erzählung von anderen ("Kunst des Zuhörens" - noch ohne differenziertes Regelwerk),
  • erörtern verallgemeinerbare Lernerfahrungen mit dem der Ausbildung vorausgegangenen schulischen Lernen,
  • erläutern evtl. Grundsätze zur Arbeit mit dem Lernportfolio in einer an der Pflegeschule etablierten Form,
  • tauschen sich über ihre persönliche Lebens-Lern-Geschichte bis zum Eintritt in die Ausbildung und insbesondere ihre Lernressourcen und solche Lernanforderungen aus, die sie als Herausforderung erleben,
  • verständigen sich über ihren Umgang mit den privaten und öffentlichen Anteilen in ihrer Lernbiografie (vgl. Sequenz 1),
  • tauschen sich über ihre Erfahrungen im Interaktionsprozess als Erzählende / Zuhörende in Verbindung mit biografischem Erzählen aus,
  • verständigen sich über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den individuellen Lerngeschichten.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... machen sich ihre persönliche Lebens-Lern-Geschichte bis zum Eintritt in die Ausbildung bewusst zu 1-3: Lebenslinie mit Skalenbewertung zu zentralen Ereignissen der bisherigen Lernbiografie, ggf. initiiert über eine Phantasiereise
2 ... analysieren / reflektieren / deuten diese Erinnerungen, identifizieren Ressourcen und Aufmerksamkeitsschwerpunkte und leiten daraus ihre persönlichen Ziele für das erste Ausbildungshalbjahr ab Schritt 2-3: Einzelarbeit (Arbeitsauftrag)
3 ... bestimmen, welche Anteile ihrer Überlegungen sie öffentlich machen wollen und welche sie als privat verstehen
4 ... bearbeiten den öffentlichen Teil der Lerngeschichte Schritt 4-7: Triadenarbeit (1 Erzähler - 1 Zuhörer - 1 Beobachter) mit wechselnden Rollen
5 ... achten, reflektieren und kommunizieren ihr Schutzbedürfnis gegenüber persönlichen Erfahrungen, machen Grenzen deutlich
6 ... nehmen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den individuellen Lerngeschichten wahr
7 ... reflektieren jeden Arbeitsdurchgang in der Triade und geben der / dem Zuhörenden Rückmeldung zu ihrer / seiner "Kunst des Zuhörens"
8 ... reflektieren die Ergebnisse ihrer Arbeits- / Erfahrungsprozesse (losgelöst von den persönlichen Anteilen, die in der Kleingruppe bleiben) im Plenum Plenumsdiskussion
9 ... sind hinsichtlich der Ziele, der Form und der Regelungen einer Portfolioarbeit zur Dokumentation ihrer individuellen Lernentwicklung im Verlauf der Ausbildung informiert bzw. planen ihre Portfolioarbeit Einführung in die Portfolioarbeit

Sequenz 3 - Ein Interview zu Aspekten der Lebensgeschichte eines anderen Menschen vorbereiten, durchführen und vorstellen

6 Std. (davon Kommunikation: 1 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • unterscheiden Selbstbiografie und Fremdbiografie,
  • erklären zentrale Begriffe der Lebenslaufforschung, z. B. "Normalbiografie", "Statuspassagen", ...,
  • nennen wichtige historische Ereignisse (politisch, sozialgeschichtlich, kulturell ...) der vergangenen 80 Jahre und deren potentielle Auswirkungen auf unterschiedliche Generationen und Gesellschaftsschichten,
  • nennen verschiedene Sprachformen in der (mündlichen) Darstellung einer Biografie und ihre jeweiligen Bedeutungen,
  • nutzen verschiedene Frageformen,
  • planen ein Gespräch / Interview gezielt,
  • entwickeln eine geeignete Form der Darstellung von Arbeitsergebnissen zum durchgeführten Interview,
  • erläutern erste Erklärungsmuster zum Verständnis von "Biografie als Konstruktion" und zum Begriff der "Wahrheit" in der Betrachtung biografischer Erzählungen,
  • verständigen sich über ihre Vorstellungen von "Normalbiografien" und typischen Statuspassagen,
  • tauschen sich über die im Interview mit einem Menschen aus einer anderen Generation erhobenen Daten und deren Einordnung in einen historischen Kontext aus, auch im Vergleich mit den Vorstellungen aus der Perspektive der eigenen Generation,
  • verständigen sich über ihre Erfahrungen und wechselseitigen Rückmeldungen zu unterschiedlichen Rollen im gemeinsamen Arbeitsprozess,
  • tauschen sich zu verschiedenen Arbeitsergebnissen / Interviews und über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Deutung aus.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... unterscheiden zwischen der Arbeit an der eigenen Biografie und der Begegnung mit den Biografien anderer Menschen und unterscheiden zwischen Lebenslauf und Biografie zu 1-12: Einführendes Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch (insbes. Schritt 1-3 und Schritt 5-8) - verbunden mit der Fortführung der Triadenarbeit mit neuem Fokus, gesteuert über Arbeitsblätter und Arbeitsaufträge (Schritt 4 und Schritt 5-11)
2 ... kennen zentrale Begriffe der Lebenslaufforschung, z. B. "Normalbiografie", Statuspassagen
3 ... rekonstruieren ihre Vorstellungen von typischen "Normalbiografien" und wesentlichen Eckpunkten für typische Statuspassagen
4 ... rekonstruieren aus ihrer Sicht wichtige historische Ereignisse der vergangenen 80 Jahre bzw. recherchieren diese, stellen sie in chronologischer Form zusammen
5 ... unterscheiden sachliche Informationsdarstellung, Erzählung und Argumentation
6 ... kennen typische formale Merkmale / Sprachmuster dieser drei Formen in der mündlichen Darstellung
7 ... lernen Gründe und Ziele, warum Sprecher*innen die jeweilige Form wählen und die Wirkung in einer Interaktion kennen
8 ... unterscheiden Formen von Fragen / Nachfragen, mit denen sie eine Erzählung anregen können - im Gegensatz zu Fragen, die eher zur Informationsgabe oder Argumentation auffordern
9 ... wählen einen älteren Menschen in ihrem privaten Umfeld aus (deutlicher Generationsunterschied, z. B. 55+), über dessen Lebensgeschichte sie gerne mehr erfahren würden und bereiten dieses Gespräch vor, indem sie sich die Lebensdaten bewusstmachen und wann er / sie möglicherweise bestimmte Statuspassagen durchlaufen haben könnte; bringen Lebensalter und mögliche Lebensereignisse in den Zusammenhang mit Zeitereignissen; formulieren eine erzählgenerierende Frage zu dem von ihnen gewählten Schwerpunktthema; verständigen sich über ihre Rollenverteilung - Interviewer*in - Protokollant*in - Beobachter*in
10 ... führen ein Interview durch, geben sich Rückmeldung zum Verlauf des Interviews und vergleichen diesen Verlauf mit den Interviews, die sie untereinander geführt haben
11 ... stellen die im Interview erhobenen Informationen in der Form eines "Steckbriefs" / biografischen Kurzportraits zusammen
12 ... stellen die interviewte Person mit Hilfe des "Steckbriefs" vor Präsentation
13 ... vergleichen die Steckbriefe hinsichtlich ausgewählter Schwerpunkte, z. B. Unterschiede / Gemeinsamkeiten hinsichtlich bestimmter sozialer Daten (Alter, Geschlecht, regionale / kulturelle Herkunft, Bildungsabschluss), Erleben ausgewählter Statuspassagen, Erleben ausgewählter zeitgeschichtlicher Ereignisse Plenumsdiskussion, Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
14 ... reflektieren die theoretische Betrachtung "Biografie als Konstruktion" und relativieren den Begriff der Wahrheit bei der Betrachtung von biografischen Erzählungen (in Abhängigkeit von den Ergebnissen und dem Diskussionsverlauf) Plenumsdiskussion, Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch

Sequenz 4 - Abschlussdiskussion: Was hat das alles mit dem Ausbildungsziel "Pflegefachfrau / -fachmann" zu tun?

2 Std. (davon Kommunikation: 1 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • erklären erste Begründungsansätze für Biografiearbeit als Prozesse des Selbst- und Fremdverstehens im Rahmen der Pflegeausbildung und in Verbindung mit dem Pflegeprozess,
  • nennen mögliche Konfliktsituationen beim Erheben biografischer Daten,
  • verständigen sich über ihre persönliche Einstellung zu Biografiearbeit als Möglichkeit, Prozesse des Selbst- und Fremdverstehens zu gestalten,
  • identifizieren mögliche Einstellungsänderungen und die damit zusammenhängenden, individuellen Begründungen.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... verstehen unterschiedliche Stellungnahmen zu Sinn und Chancen von Biografiearbeit für ihre Ausbildung (Selbstverstehen) und ihre Arbeit als zukünftig Pflegende (Fremdverstehen) zu 1 und 2: Positionierung zu provozierend kontrastiv durch die Lehrperson formulierten Thesen, z. B. konkret leiblich im Raum verteilt / oder mit Hilfe von Klebepunkten an einer Wandzeitung
2 ... positionieren sich dazu
3 ... lesen ergänzend zu Lernsequenz 1 weitere kurze Aussagen von Pflegewissenschaftler*innen / (-didaktiker*innen) zu den Zielen und der Sinnhaftigkeit von Biografiearbeit Textarbeit
4 ... überlegen, inwieweit sie aufgrund der wahrgenommenen Argumente ihre Position verändern würden Plenumsdiskussion, Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
5 ... evaluieren die gesamte Einheit (Neu- / Um-)Positionierung wie bei 2

Hinweise zur Unterrichts-vorbereitung

Voraussetzungen, Weiterführungen, Alternativen

Voraussetzungen


Weiterführungen

Anhang

Entwicklung


Dokumente

Literatur

cc 0
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