Lucca und Paula auf der HNO

Kinder und ihre Eltern im Krankenhaus pflegerisch unterstützen

Gliederung

Der Fall

1.  Lucca

1.1 Situationsrahmen

Sie haben einen Praxiseinsatz auf der HNO-Station des städtischen Krankenhauses. Die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Maria Raden ist ihre Praxisanleitung. Heute ist Ihr erster Tag und Maria hat Ihnen gesagt, dass Sie sich erst einmal an ihre Fersen heften und einen Tag auf der Station miterleben sollen. Nach der morgendlichen Hektik und der anschließenden Frühstückspause ist jetzt ein wenig Luft. Maria kommt mit einer Patientenakte zu Ihnen:

„Vielleicht kannst du dich ja noch an Lucca Schreiber, den 4-jährigen Jungen, und seine Mutter in Zimmer 3 erinnern. Bei ihm wurden gestern Vormittag die Tonsillen entfernt und am Nachmittag wurde er postoperativ auf unserer Station aufgenommen. Wenn alles normal läuft, wird er voraussichtlich noch 5 Tage bleiben. Gleich ist HNO-Visite und damit du dir schon mal ein Bild machen kannst, habe ich hier seine Pflegedokumentation. Die kannst du dir jetzt mal in Ruhe anschauen, und wenn Dr. Djanatan kommt, sage ich dir Bescheid und dann kannst du erstmal einfach zuhören.“

1.2 Kinderarztvisite

Beteiligt sind:

Man hört leises Kinderweinen. Frau Schreiber spricht beruhigend auf Lucca ein.

Frau Sch.: Die Schwester kommt sicher gleich, schau mal das Licht da oben, ich hab die Klingel ja schon gedrückt. Und nachher sagt uns der Doktor bestimmt, wann wir wie­der nach Haus können. Komm, ich wisch dir schon mal die Tränen und die Rotznase ab, was soll denn der Doktor von dir denken. Du willst doch ein tapferer Pirat sein.

Lucca (schluchzend): Nein, will ich nicht. Will nach Hause.

Es klopft an der Tür, die Tür geht auf, man hört Geräusche vom Gang her, die wieder verschwinden, nachdem die Tür geschlossen wird.

Dr. D.: Soo, wen haben wir denn hier? Ach ja, den kleinen tapferen Piraten. Wie geht es dir denn heute Morgen?

Lucca schluchzt.

Dr. D.: Und deinen Seebären hast du ja auch dabei. Wie heißt der denn?

Lucca schluchzt.

Dr. D.: Und wie geht es der Mutter unseres Helden? Guten Morgen, Frau Schreiber. Konnten Sie denn etwas schlafen?

Frau Sch.: Naja, das kann man eigentlich nicht sagen. Das war schon sehr unruhig hier und Lucca wollte sich gar nicht beruhigen.

Dr. D.: Dann wollen wir dich mal ansehen Lucca, du wurdest gestern operiert?

Pfl. M.:  Genau, Lucca wurde gestern Vormittag planmäßig operiert und ist gegen 15.00 Uhr zu uns auf Station gekommen. Postoperativ hatte er zunächst keine Beschwerden. Gegen 21.00 Uhr hat Lucca dann allerdings Schmerzen geäußert, die auch nachts immer wieder auftraten und heute Morgen nach unserer Schmerzeinschätzung etwa bei 6 nach KUSS lagen. In der Nacht kam es zudem zu leichten Nachblutungen. Gegen die Schmerzen hat Lucca bereits Benuron® bekommen.

Dr. D.: Tut der Hals denn noch sehr doll weh, Lucca?

Lucca schluchzend – mhmhmh (zustimmend)

Dr.D.: Wie trinkt und isst Lucca denn?

Pfl. M.: Lucca hat gestern Abend bereits ein Eis gegessen und heute Morgen zum Frühstück hat er schon einen Naturjoghurt gegessen. Das Trinken ist noch etwas problematisch, wir haben sicherheitshalber ein Trinkprotokoll angelegt. Gestern trank er schluckweise Tee, heute hat er bisher einen Becher Tee getrunken.

Dr. D.: Das mit den Nachblutungen müssen wir gut beobachten und alles vermeiden, was diese verstärken könnte. Schmerzen sind postoperativ normal. Und dass man dann nicht so viel essen und trinken kann, wenn das wehtut, glaube ich dir gerne, Lucca. Wieviel Benuron® hat Lucca denn inzwischen bekommen?

Pfl. M.: Nachts um 22 Uhr und heute Morgen um acht Uhr jeweils 250 mg als Zäpfchen.

Dr. D.: Na, da können wir ja noch ein bisschen nachlegen. Geben Sie zunächst dreimal täglich 250 mg Benuron®. Sollte das nicht ausreichen, dann kann er zusätzlich nach Bedarf 200 mg Ibuprofen als Saft bekommen.

Fr. Sch.: Ist das nicht langsam ein bisschen viel? Lucca hat in der letzten Zeit wegen der vielen Mandelentzündungen so viele Medikamente bekommen. Ich möchte das eigentlich nicht mehr. Gibt es da keine anderen Möglichkeiten?

Pfl. M.: Wir können die Schmerzen weiter durch Kühlen lindern. Ich bringe gleich wieder eine neue Eiskrawatte, das hilft auch gegen die Nachblutungen. Und vielleicht finde ich dabei auch noch ein schönes Eis für dich, Lucca. Und viel Trinken hilft auch gegen die Schmerzen und dass dein Hals schnell wieder gesund wird.

Dr. D.: Das ist eine gute Sache. Wir sollten trotzdem die mögliche Erhöhung der Bedarfsmedikation festhalten. (An die Mutter gewandt) Bei Schmerzen, vor allem beim Schlucken, wird Lucca nicht ausreichend trinken, was für den Heilungsprozess besonders wichtig ist. – So, du tapferer Held, jetzt muss ich aber doch nochmal in deinen Mund gucken, wie es da in den Tiefen des Höllenschlundes aussieht.

Lucca schluchzt verneinend: ngnghmm.

Fr. Sch.: Nein Lucca, nicht den Mund zukneifen, der Doktor will doch nur dein Bestes. (Das Schluchzen wird lauter und zorniger.) Nein, nicht hauen, das weißt du doch, dass man das nicht macht.

Pfl. M.: Lucca, das kennst du doch schon von gestern Abend, als wir nachgesehen haben, wo das Blut herkommt. Am besten setzt du dich wieder auf Mamas Schoß und wir schauen uns zuerst die Mandeln von deinem Piratenbären an. Und wir machen das so wie gestern, nur mit der Taschenlampe schauen und nichts anfassen.

Das Schluchzen wird langsam weniger, man hört Geräusche, wie z.B. Stühle rücken, an denen man erkennen kann, dass Lucca auf Mamas Schoß klettert.

Fr. Sch. Hier hast du Captain Bär, mal sehen, wie es ihm geht.

Pfl. M.: Lucca leuchtest du beim Captain? Oder soll Dr. Djanatan lieber nachschauen, ob alles gut ist und der Bär noch ein Eis essen darf?

Lucca (leicht schluchzend): Lieber der da.

Dr.D. Dann wollen wir mal schauen …  oh das sieht schon mal ganz gut aus. Aber ich denke gegen die Schmerzen hilft hier nur ein Eis, Captain Bär. Und wie sieht es bei dir aus Lucca?

Lucca schluchzt, macht aber den Mund auf und sagt: Ahhhhhhh

Dr.D.: Das hast du gut gemacht Lucca. Dein Hals ist noch etwas rot und geschwollen und ein bisschen hat es nochmal nachgeblutet, da hilft am besten ein Eis. (Wieder an die Mutter gewandt) Ich denke, es ist am besten, wenn weiterhin der Hals mittels Eiskrawatten gut gekühlt wird. Lucca sollte möglichst viel trinken und nicht im Zimmer oder auf dem Flur rumtoben. Das kann zu weiteren Nachblutungen führen. Schwester Maria findet bestimmt noch ein paar Brettspiele und Malbücher, so dass es nicht allzu langweilig für Lucca wird. Sollte Lucca aber weiter Schmerzsymptome zeigen, ist es sinnvoll, ihm noch etwas Benuron® zu geben. Wenn Sie sonst keine Fragen mehr haben, sehen wir uns morgen Vormittag wieder.

 

2.  Paula

An einem der nächsten Tage haben Sie Spätschicht und werden von Ihrer Praxisanleiterin damit begrüßt, dass Sie gleich gemeinsam Paula übernehmen werden. Hierzu gibt Ihnen Maria folgenden Informationen:

„Paula ist 2 ½ Jahre alt. Sie wurde heute Morgen aufgenommen und hat eine Adenotomie und eine Paukendrainage beidseits erhalten.

Die Kleine hat noch zwei Geschwister. Sophia ist 6 Jahre und Max 10. Ihre Mutter ist mit aufgenommen, aber gleich kommt Sophias großer Bruder Max, damit die alleinerziehende Mutter zu Hause nach dem Rechten sehen kann.

Paula hat eine periphere Venenverweilkanüle am linken Handrücken liegen. Sie trinkt wenig und hat noch Schmerzen. Paula reagiert auf Ärzte und Pflegepersonal sehr ängstlich. Sie fängt sofort an zu weinen und zu schreien und versteckt sich bei ihrer Mutter oder Max, wenn jemand im weißen Kittel das Zimmer betritt. Zudem wehrt sie sich gegen jegliche pflegerische und medizinische Maßnahme. Das macht das Kontrollieren der Vitalzeichen und die Mundinspektion sehr schwierig. Zur Kontrolle der Infusion müssen die Mutter oder ich sie jedes Mal festhalten. Paula ist dann immer ganz außer sich und die Mutter wirkt sehr gestresst. Das kann anstrengend werden für dich, denn unter Umständen musst du die Kleine auch gegen ihren Willen festhalten. Da ist es manchmal auch vielleicht nicht ganz zu vermeiden, dass man ihr auch mal wehtut.

Richte dich außerdem drauf ein, dass Max ganz viele Fragen hat und du ihm alles erklären musst – die Mutter hat den Kolleginnen gesagt, dass er später mal Arzt werden will und sich schon richtig darauf freut, sich am Nachmittag hier um seine kleine Schwester zu kümmern.

Ich werde zwar immer in der Nähe sein, aber für Paula und ihre Familie bist heute in erster Linie du zuständig. Wenn du gar nicht klar kommst, kannst du natürlich Bescheid sagen, aber im Prinzip traue ich dir das schon zu und du weißt ja, weil Maren heute ausgefallen ist, muss ich ihre Seite auch noch mitversorgen.“

 a) 14:30 Sie nehmen sich die Dokumentationsunterlagen und lesen sich erstmal ein. Es dauert aber gar nicht lange, da hören Sie etwas weiter weg ein Kind laut brüllen, und als Sie aus dem Dienstzimmer auf den Gang schauen, kommt Ihnen ein kleiner Junge entgegen: „Bitte, kommen Sie schnell, die Paula hört gar nicht mehr auf zu weinen!“

b) Sie müssen bei Paula noch …. (definierte Basispflegeaufgaben einsetzen?)

c) Um 16:30 sagt Maria zu Ihnen: „Du, Dr. Djanatan kommt gleich nochmal auf der Station vorbei, um nach den Kindern zu sehen, die er am Morgen operiert hat. Kannst du zur Visite bei Paula mitgehen? Sie ist ja sowieso heute deine Patientin.“

Situations-merkmale

Zielgruppe

  • Kinder (2 - 10 Jahre)
  • Partnerschaft, soziale Bezugspersonen, Familien

Setting

  • Akutklinik

Pflegeanlass

  • Unselbstständigkeit in der Selbstversorgung
  • Einschränkung in der Kommunikation
  • Kommunikations- / Informations-/ Beratungsbedarf
  • chirurgischer Eingriff

Lernsequenzen

Sequenz 1 - Kinder im Krankenhaus - Erfahrungen und Sichtweisen

1 Std. (davon Kommunikation: 0 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • verständigen sich über eigene Erfahrungen mit Krankheit und Krankenhausaufenthalten im Kindesalter bzw. im Umgang mit kranken Kindern in diesen Situationen und die Erfahrungen bzgl. der Reaktionen von Erwachsenen,
  • tauschen sich über ihre im Kindesalter gemachten Erfahrungen mit Schmerzen und Ängsten und den in ihren Familien üblichen Umgang mit Schmerzen und Ängsten aus,
  • entwickeln Hypothesen, wie der familiär und durch andere Erfahrungen geprägte Umgang mit Krankheit, Krankenhaus, Angst und Schmerzen ihre heutige Einstellung zum eigenen und fremden Krankheitserleben und zu Ängsten und Schmerzen beeinflusst haben könnte.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... erinnern sich an Situationen, in denen sie selbst krank waren Phantasiereise oder Impuls, z. B. über eine Kindergeschichte / Bilderbuch
2 ... berichten von Krankenhauserfahrungen als Kind oder auch als Bezugsperson von kranken Kindern, identifizieren zentrale Themen und entdecken typische Muster (für den Umgang mit Kindern in diesen Situationen, sowohl allgemein betrachtet als auch persönlich / biografisch) Austausch in Kleingruppen ("Wohlfühlgruppen") - Auswahl und Vorstellung einer typischen Situation im Plenum, sofern die Bereitschaft zur Veröffentlichung besteht
3 ... lernen den Situationsrahmen zur Pflege von Lucca kennen, formulieren Lernziele "Was möchte ich wissen, um mich für einen Einsatz auf der HNO-Station und die Pflege von kranken Kindern vorzubereiten?" Textarbeit zu Abschnitt 1.1 der Fallsituation, Metaplankarten
4 ... ordnen die Lernziele den Lernsequenzen zu und sind so über den Ablauf der Lernsituation informiert Wandzeitung bzw. elektronische Dokumentation im System der Schule / Klasse

Sequenz 2 - Tonsilitis und Tonsilektomie - Grundlinien der postoperativen Versorgung

6 Std. (davon Kommunikation: 2 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • erklären die Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie des Nasen-Rachen-Raumes (Wdh.), erläutern diese exemplarisch am Krankheitsbild der Tonsilitis,
  • nennen Fachbegriffe im Kontext der pflegerischen Versorgung in der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde,
  • erläutern exemplarisch die Tonsillektomie als chirurgischen Eingriff: mögliche Ursachen für das Nachblutungsrisiko, Anzeichen, Gefahren, Prävention, Beobachtung, Erstmaßnahmen sowie geeignete Nahrungsmittel für die postoperative Versorgung,
  • nennen Möglichkeiten der Schmerzerfassung und medizinische / pflegerische Interventionen bei Kindern in akuten Schmerzsituationen (soweit möglich auch im Vergleich mit der bereits bekannten Versorgung bei Erwachsenen), soweit für das Fallverständnis erforderlich,
  • nennen und erklären Handlungsabläufe in der Nachsorge einer Tonsillektomie: Anlegen einer kühlenden Eiskrawatte zur Schmerzlinderung und Reduktion des Nachblutungsrisikos,
  • führen entsprechende Informationsgespräche mit erwachsenen Bezugspersonen und gewinnen damit Handlungssicherheit (inhaltlich sowie in der Gesprächsführung).

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... aktivieren ihre Kenntnisse zur Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie des Nasen-Rachen-Raumes und erarbeiten sich zentrale Grundlagen der Tonsillitis und der Tonsillektomie, der Operationsrisiken und der postoperativen pflegerischen Versorgung zu 1 und 2: Lehrer*invortrag / Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch / Leittexte und Arbeitsblätter bzw. EDV-gestütztes Lehrmaterial mit Visualisierungen
2 ... erarbeiten sich das im Kontext der beiden Fallsituationen erforderliche Hintergrundwissen zu den medizinischen / pflegerischen Interventionen bei Kindern mit akuten Schmerzen
3 ... sichern das erarbeitete Wissen in Informationsgesprächen bzw. praktischen Anleitungen gegenüber der Mutter / den Großeltern von Lucca: -> den Ablauf der Operation erklären, -> die Durchführung der regelmäßigen Schmerzerfassung begründen, -> Hinweise zur Ernährung geben (welche Mitbringsel / Naschereien sind warum geeignet?), -> zum Anlegen der Eiskrawatte anleiten praktische Übungen und Rollenspiele / Simulationen

Sequenz 3 - Ärztliche Visiten begleiten und ausarbeiten

2 Std. (davon Kommunikation: 0,5 (aus dem Bereich interprofessionelle Kommunikation) Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • nennen zentrale Fachbegriffe, die Bedeutung und den Einsatz der Pflegedokumentation und des Pflegeberichts im Pflegeprozess (Wdh. und situationsspezifische, auf das neue Arbeitsfeld der Pädiatrie bezogene Vertiefung),
  • identifizieren notwendige Informationen aus der Pflegedokumentation,
  • nennen Prinzipien zum Vorgehen in der Übernahme der Aufgaben von Pflegenden bei der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung einer Arztvisite.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... formulieren ihre erfahrungsbezogenen / medial vermittelten subjektiven Theorien sowie entsprechendes Vorwissen zu den Zielen einer Arztvisite und den Aufgaben von Pflegenden in diesem Kontext Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch
2 ... ergänzen bzw. überprüfen diese Vorstellungen und Kenntnisse und formulieren Kriterien für den Ablauf einer optimalen (Kinder-)Arztvisite Lehrer*invortrag / Leittext o.ä. mit anschließendem Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch zur Entwicklung einer Kriterienliste
3 ... lesen die Dokumentationsunterlagen zu Lucca und stellen auf dieser Grundlage den Fall gegenüber dem Arzt vor Partner*innen- / Triadenarbeit am Textmaterial, Formulierungsübungen im Rollenspiel, ggf. mit Erstellung eines eigenen Ton- / Videodokuments (vgl. "Dokumentationsunterlagen Lucca Schreiber" in der Anlage)
4 ... lesen / hören den entsprechenden Textabschnitt in der Fallsituation und überprüfen und reflektieren ihre eigene Fallvorstellung bzw. das Beispiel kritisch anhand der unter Schritt 1 und 2 formulierten Kriterien Fallvorstellung auf der Basis einer Textarbeit bzw. des Hörverständnisses zur Fallsituation (1.2 Kinderarztvisite), Lehrer*in-Schüler*innen-Gespräch

Sequenz 4 - Prinzipien der Interaktion mit kleinen Kindern im Krankenhaus

5 Std. (davon Kommunikation: 3 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • nennen die Rechte des Kindes und seiner Eltern / Bezugspersonen im Krankenhaus in Verbindung mit der Durchführung von medizinischen und pflegerischen Maßnahmen,
  • nennen Aufgaben und Rechte von Eltern in Bezug auf die gesundheitliche Versorgung von Kindern,
  • fassen Erkenntnisse zu den Auswirkungen und Besonderheiten eines Krankenhausaufenthaltes für Kinder und Eltern zusammen,
  • erklären Angst als Grundemotion und beschreiben Ausdrucksebenen und Merkmale von Angst bei Kindern - "medical fear" als eigenständige Kategorie mit spezifischen Ausdrucksformen (Wdh., Vertiefung),
  • erläutern den Zusammenhang zwischen Angst und Schmerzempfinden unter dem besonderen Blickwinkel kindlicher Ängste und Schmerzen (Wdh., Vertiefung),
  • erläutern entwicklungspsychologische Aspekte zu angstauslösenden Faktoren und zum Umgang mit Angst in unterschiedlichen Entwicklungsphasen von Kindern, z. B. auch lerntheoretische Aspekte zur Evozierung von Angst und zu Möglichkeiten, kindlicher Angst zu begegnen,
  • leiten Regeln zum Umgang mit der Angst von Kindern bzw. Prinzipien der Interaktion mit Kleinkindern in "kleinen Krisensituationen" her,
  • erklären die Bedeutung des Spiels und Möglichkeiten der Ablenkung von Kindern im Krankenhaus, kennen ausgewählte Medien und ausgearbeitete Konzepte zur Ablenkung in der Klinik, z. B. "Wolly", "Schnobbel" ..., und zur Belohnung, z. B. "Tapferkeitsurkunde",
  • erläutern die Rolle der Eltern während des Krankenhausaufenthaltes, insbesondere im Hinblick auf Angstreduktion, und leiten diesbezüglich Regeln zum Umgang mit den Bezugspersonen her,
  • erklären die Funktion von und das Vorgehen bei einem Informationsgespräch gegenüber Kindern und ihren Bezugspersonen,
  • nennen Prinzipien der Informationsdarstellung gegenüber Kindern und erwachsenen Begleitpersonen und entwickeln fallbezogen eine Informationsgabe für das Kind und für die Mutter.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... aktivieren ihr Wissen zur Entwicklungspsychologie von Kindern zwischen dem 2. und 10. Lebensjahr (bzw. erarbeiten entsprechend die im Situationskontext erforderlichen Grundlagen, um diese im Anschluss weiter zu systematisieren), insbesondere im Hinblick auf: -> die kognitive Entwicklung bzw. die zu erwartende Gedankenwelt 4-jähriger Kinder, -> die Sprachentwicklung, -> die emotionale Entwicklung (insbes. das Phänomen Angst / "medical fear") sowie -> die Fähigkeit zur Emotionsregulation und die Entwicklung des Selbstkonzepts, -> spielpädagogische Konzepte Selbsterarbeitung anhand von vorbereiteten Textmaterialien, z. B. in themendifferenzierter Kleingruppenarbeit mit Gruppenpuzzle für 4 Entwicklungsalter
2 ... lesen / hören vor diesem Hintergrund die Fallsituation erneut und identifizieren, wie Maria (und Dr. Djanatan) mit Lucca umgehen und inwiefern sie dabei die erarbeiteten (entwicklungs-)psychologischen Erkenntnisse zum Umgang mit Kindern umsetzen Partner*innenarbeit am Textmaterial zur Fallsituation Lucca (1.2 Kinderarztvisite)
3 ... tragen zusammen, welche weiteren Handlungsmöglichkeiten in der Fallsituation von Lucca zum Erfolg führen könnten Partner*innenarbeit am Textmaterial
4 ... entwickeln einen Handlungskatalog mit Empfehlungen zum Umgang mit Kindergartenkindern im Krankenhaus Ergebnissicherung im Plenum, Wandzeitung

Sequenz 5 - Paula im Krankenhaus - ein neues Krankheitsbild auf dem Gebiet der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde selbstgesteuert erarbeiten und mit Kinder in verschiedenen Entwicklungsphasen umgehen

4 Std. (davon Kommunikation: 2 Std.)

didaktisch inhaltliche Zuordnung

Die Lernenden...

  • erklären die Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie des Ohres, v.a. des Mittelohres (Wdh.), und zentrale Begriffe,
  • erarbeiten eigenständig exemplarisch das Krankheitsbild Otitis media,
  • erklären exemplarisch Aspekte eines chirurgischen Eingriffs, z. B. Paukendrainage und Parazentes, einschließlich Vorbereitung, Vorgehen, mögliche Komplikationen, postoperative Versorgung,
  • erklären die Besonderheiten der Interaktion mit sehr kleinen Kindern in leichten Krisensituationen,
  • wenden die Erfassung und Darstellung der Familiensituation an, z. B. mit Hilfe eines Genogramms,
  • verständigen sich über die Situation der kleinen Paula und reagieren situativ auf ihr Verhalten,
  • tauschen sich über die Situation in der Familie und mögliche Auswirkungen auf die Versorgung des Kindes während des Krankenhausaufenthaltes aus,
  • verständigen sich über situative Möglichkeiten und Begrenzungen, die Mutter / den Bruder / die Schwester in die Versorgung von Paula gezielt einzubeziehen.

didaktisch methodischer Verlauf

Die Lernenden... Methodik
1 ... lesen die Fallsituation und die Dokumentationsunterlagen von Paula und arbeiten hierzu selbständig und selbstorganisiert in Kleingruppen (a) das Genogramm von Paulas Familie (b) das Krankheitsbild und das chirurgische Vorgehen im Rahmen der Operation, das sie für den neugierigen Max kindgerecht / verständlich aufbereiten (c) eine Fallvorstellung (d) eine "Strategie" zum pflegerischen Umgang mit Paula bei der postoperativen Versorgung (Handlungsablauf zu ...., incl. Schmerzassessment) und bei der Kinderarztvisite, bei der nicht die Mutter sondern Max und die 6-jährige Schwester anwesend sein werden selbstorganisiertes Lernen anhand eines umfassenden Arbeitsauftrags (Internetrecherche und / oder Schulbibliothek)
2 ... tragen ihre Ergebnisse im Plenum zusammen und erproben ihre "Strategien" im Rahmen einer "Simulation", in der die Lehrkraft zurückmeldet, welche Reaktionen die beiden Kinder und der Arzt jeweils auf ihren Interventionsvorschlag zeigen im Unterrichtsgespräch simulierte Handlungssituation
3 ... ergänzen den Handlungskatalog / die Wandzeitung aus Sequenz 4, Schritt 4, um Empfehlungen zum Umgang mit Kindern im Alter von 2, 6 und 10 Jahren Ergebnissicherung im Plenum - Wandzeitung bzw. elektronische Dokumentation

Hinweise zur Unterrichts-vorbereitung

Voraussetzungen, Weiterführungen, Alternativen

Voraussetzungen


Weiterführungen


Parallelen

Anhang

Entwicklung


Dokumente

Didaktischer Kommentar

Die Tonsillektomie bzw. die Tonsillotomie gehören bis heute immer noch, trotz rückläufiger Tendenz, zu den insgesamt häufigsten chirurgischen Eingriffen überhaupt, auch bei Kindern bis 14 Jahren (Statistisches Bundesamt 2015). So wurden im Jahr 2010 in Deutschland rund 127.000 Tonsillektomien und Tonsillotomien unter stationären Bedingungen durchgeführt. Für die zugrundeliegenden Erkrankungen, insbesondere für die akute Tonsillitis, besteht eine statistische Häufung im Vorschulalter sowie in der Adoleszenzphase. In deutschen Krankenhäusern zählen die ursächlichen Erkrankungen zu den 20 häufigsten Diagnosen bei vollstationär behandelten Kindern im Alter von 0 bis unter 15 Jahre (ebd. und Berner et al. 2015, S.18f). Sie gehören ebenso zu den 20 häufigsten Gründen für einen Arztbesuch (dt. Berufsverb. d. HNO-Ärzte). Damit kann dem Krankheitsbild eine „hohe sozioökonomische Bedeutung zugewiesen“ werden (ebd.). Vergleichbares gilt auch für die Parazentese und die Adenotomie, die mit jeweils über 33.000 Eingriffen in der „Hitliste“ der Operationen bei Kindern im Alter bis 14 Jahren ebenfalls stark vertreten sind.

Epidemiologisch lässt sich somit die getroffene Auswahl der Fallsituationen gut herleiten. Dies gilt umso mehr, als hier Kinder als Patient*innen nicht zwingend auf einer Kinderstation versorgt werden, sondern auch in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik oder einer interdisziplinären chirurgischen Station. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Lernenden den erarbeiteten Unterrichtsinhalten in einem klinischen Praxiseinsatz begegnen könnten.

Darüber hinaus ist die zum Eingriff gehörige Anatomie und Pathophysiologie überschaubar, so dass sich das Lehr-Lernangebot auf zentrale pflegerische Aspekte konzentrieren kann und dabei vor allem auch solche Themen einbezogen werden können, die ihren Schwerpunkt im pflegerischen Umgang mit dem Kind und seinen Angehörigen haben. Aufgrund der fachlichen Überschaubarkeit des Gegenstandes bieten sich die ausgewählten chirurgischen Eingriffe einerseits für die Übung von einfachen Informations- und Anleitungsgesprächen und andererseits für ein Training im selbständigen Erarbeiten von noch unbekannten Krankheitsbildern an.

Die Lernsituation ist deshalb zweistufig aufgebaut. Nach einer einführenden Aneignung der Thematik mit der Formulierung der Lernziele wird zunächst exemplarisch die Tonsillektomie stärker lehrer*innenzentriert und in einem schrittweisen, die fachlichen Bezüge stärker separierenden Unterrichtsaufbaus bei einem 4-jährigen Kind erarbeitet (Fallsituation 1 „Lucca“). Als Transferleistung sind die Lernenden anschließend gefordert, die Situation der 2-jährigen Paula selbstorganisiert zu erarbeiten und ihre dabei entwickelten Kenntnisse und Überlegungen in einer Simulationssituation integrativ zur Anwendung zu bringen.

Literatur

cc 0
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